|
Weichen stehen in Richtung Xtra.tec Weichenspezialist Vossloh Laeis verlässt sich auf Fräser und Bohrer von WALTER
Wer an
Weichen für Züge, Straßen- oder U-Bahnen denkt,
denkt vermutlich nicht sofort an Fräsmaschinen –
gebogene oder gerade Schienenstücke kommen direkt
aus dem Walzwerk. Anders Zungen und Herzstücke,
wie es im Fachjargon heißt. Diese Teile werden aus
einem Block gefräst. Zungen dienen zur Verstellung
von Weichen, Herzstücke heißen die Mittelstücke
von Kreuzungen. Vossloh Laeis in Trier ist
Spezialist für solche Teile. Auf Herzstücke und
Kreuzungen in Monoblockausführung hat das
Unternehmen ein Patent. Der Vorteil dieser
Konstruktionen: sie kommen ohne Schrauben
aus. Um den Weichenspezialisten bei Diskussionen
folgen zu können, muss eine weitere
Begriffsklärung vorgenommen werden. Es gibt
Vignolschienen und Rillenschienen. Die Eisenbahn
fährt auf Vignolschienen, Straßenbahnen und viele
Industriebahnen fahren auf Rillenschienen.
Aufgrund der verschiedenen Achsabstände bzw. der
kleinstmöglichen Bogenradien gibt es gewaltige
Größenunterschiede. Vignolweichen sind mit 30-40 m
etwa dreimal so lang wie Rillenschienenweichen.
Bei Rillen gibt es hingegen viele
Ausführungsvarianten bezüglich Breite und Neigung.
Gängige Breiten sind 36, 32 oder 23 mm, gängige
Neigungen 1:4 oder 1:6. Bei Vossloh Laeis werden
alle Schienenarten bearbeitet, jedoch überwiegt
der Anteil Rillenschienen mit rund 80 Prozent
deutlich. Das liegt zum einen daran, dass die Bahn
ihre Schienen größtenteils selbst bearbeitet, zum
anderen befinden sich Straßenbahnen zur Zeit im
Aufwärtstrend. In Sachen Festigkeit ganz
oben Aus zerspanungstechnischer Sicht ist das
Material, der Schienenstahl, eine Besonderheit.
Die Belastung im täglichen Betrieb ist enorm. Ziel
bei der Schienenherstellung ist eine möglichst
lange Lebensdauer zu erreichen. Deshalb sind hohe
Festigkeiten gefragt, gebräuchlich sind 700-1300
N/mm2. Im unteren Festigkeitsbereich liegt der
„normale“ Schienenstahl mit den Bezeichungen S700,
S800, S900 usw. (die Zahlen geben die Festigkeit
an). Seine Widerstandsfähigkeit erhält das
Material durch einen relativ hohen
Kohlenstoffgehalt, durch den Walzvorgang und
eventuelle Vergütungsprozesse. Neben
Normal-Schienenstahl gibt es auch Highend-Stahl,
dieser wird unter Herstellerbezeichnungen geführt.
Im Vossloh-Konzern heißt das patentierte
Topp-Material Cogidur, dieses liegt mit 1300
N/mm2 ganz oben in der Festigkeitsskala. Aus
preislichen Gründen werden Cogidur-Schienen in der
Regel in geschweißter Sandwichbauweise mit ST52
als Unterbau ausgeführt. Geringe Abweichungen in
der Zusammensetzung, walzbedingte
Festigkeitsunterschiede (100 N/mm2 sind keine
Seltenheit), auf Wunsch aufgeschweißte
Kopfvergütungen aus CrNi-Material,
unterschiedliche Auflageverhältnisse auf dem
Maschinentisch – das sind alles Umstände, welche
den Fräsern und Bohrern das Leben schwer machen.
„Es kann sein, dass sich der erste Block gut
bearbeiten lässt, der nächste aber viel
schwieriger, ohne dass genau ersichtlich ist,
woran das liegt“, erklärt Stephan Bartzen,
AV-Verantwortlicher bei Vossloh
Laeis. Wechselnde Bedingungen im
Griff Angesichts derartig wechselnder
Bedingungen sind die Weichenfachleute bei Vossloh
Laeis auf robuste Werkzeuge angewiesen. Bei den
Fräsern wird vor allem auf Präzisionswerkzeuge von
WALTER zurückgegriffen. Der Hartmetallspezialist
ist seit über 20 Jahren Werkzeugpartner, heute
liegt der Anteil der Fräser aus Tübingen bei etwa
70 Prozent. Benötigt werden hauptsächlich Plan-
und Igelfräser. Hinzu kommen kegelförmige
Neigungsfräser für die Rillen. Das sind
Sonderformfräser, welche in der Lage sind, die
Spurrillen in nur einem Arbeitsgang zu
fräsen. Seit WALTER die Xtra.tec-Reihe auf den
Markt gebracht hat, kommen verstärkt diese Typen
zum Einsatz, beispielsweise der Planfräser F4033
mit acht Schneidkanten pro Wendeplatte. Als
Schneidstoff wird überwiegend die universelle
Tiger.tec-Sorte WKP35 verwendet. „Diese Sorte
vereinigt hohe Härte und Zähigkeit, sie eignet
sich sowohl für ein breites Werkstoffspektrum wie
auch für wechselnde Bearbeitungsbedingungen wie
sie bei Vossloh Laeis typischerweise vorkommen“,
erklärt Josef Alt, technischer Berater bei
WALTER. Die Bearbeitung selbst ist eine trockene
Schruppbearbeitung. Die Toleranzen liegen im
Bereich +/– 0,1 mm. „Genauer“ fahren
Schienenfahrzeuge nicht. Stephan Bartzen erklärt:
„Für unsere Anforderungen benötigen wir keine
geschliffenen Präzisionswendeplatten, wir greifen
daher auf umfangsgesinterte Ausführungen mit
stabilen Geometrien zurück. Was wir benötigen,
sind hohe Standzeiten.“ Werden beispielsweise
Rillen mit 40-50 mm Tiefe in Gleisbögen von 10m
Länge gefräst, muss bei einem Schneidenbruch der
Maschinenbediener aus dem Bogen ausfahren und die
Bearbeitung unterbrechen. Das ist natürlich
unerwünscht. In der Regel keine
Regel-Schnittwerte Aufgrund der wechselnden
Bearbeitungsbedingungen sind Angaben über
Schnittwerte beim Schienenfräsen stets individuell
und auf ein spezielles Werkstück bezogen. Auch
sind die Bearbeitungen stark von der Maschine
abhängig. Bei Vossloh Laeis sind zwei große
Portalfräsmaschinen im Einsatz, umgebaut für diese
speziellen Anforderungen. Neben den Fräsern von
WALTER werden auch verstärkt die Xtra.tec-Bohrer
des Typs B40 mit Hartmetallwechselspitze
verwendet. An sich erfordern Schienen wenig
Bohrungen, doch bei einem Großauftrag für einen
Aufraggeber aus Vancouver/Kanada ist das anders.
Die Schienen werden am Ende gelascht, dafür sind
zahlreiche Bohrungen mit Durchmessern 19, 26,
28,5, 30mm notwendig. Gebohrt wird in der Mitte
der Schienenstege, also in einem normalerweise
eher weichen Bereich. Bei diesem Auftrag wird
jedoch der Kopf gehärtet; die Härte reicht bis in
den Stegbereich. „Die HSS-Bohrer, die wir sonst
verwenden, sind nach zirka 15 Bohrungen
unbrauchbar“, berichtet Stephan Bartzen, „mit den
Xtra.tec-Bohrern haben wir die Bearbeitung aber
gut im Griff.“ Über diese Schienen und Weichen,
Vignolschienen im übrigen, werden einst die
Besucher der Winterolympiade rollen. „Vor
Jahren, als es nur Standard-Schienstahl wie S800
usw. gab, war die Bearbeitung einfacher und
voraussehbarer“, resümiert Stephan Bartzen, „heute
haben wir zahlreiche verschiedene Materialien und
zudem sehr hohe Festigkeiten. Fast jeder Auftrag
bringt andere zerspanungstechnische Anforderungen
mit sich. Ohne robuste, universell einsetzbare
Werkzeuge, die auch wechselnden
Bearbeitungsbedingungen stand halten, geht es
nicht.“
Artikel erschienen in WT 104 auf Seite 78.
Zuruck zur Inhaltsverzeichnis Heft Nummer 104